28.09.2012rss_feed

DGfZ-Jahrestagung und DGfZ-/GfT-Gemeinschaftstagung 2012 in Halle/Saale

In diesem Jahr haben die Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) und die Gesel­lschaft für Tierzuchtwissenschaften (GfT) zur sechsten Parallelveranstaltung nach Halle/Saale eingeladen. Im Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Lu­ther-Universität Halle-Wittenberg fanden am 12. und 13. September 2012 die DGfZ-/GfT-Gemeinschaftstagung und die Jahrestagung sowie die Mitgliederversammlung der DGfZ statt.

Die Tagung wurde durch den Präsidenten der DGfZ Herrn Dr. Otto-Werner Marquardt sowie durch den Vorsitzenden der GfT Herrn Prof. Dr. Georg Erhardt eröffnet. Ebenso hieß Herr Prof. Dr. Hermann Swalve als lokaler Veranstalter die rund 300 Zuhörer willkommen. Nach den anschließenden Grußworten von Herrn Schulz, Leiter Landwirtschaft im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt und dem Dekan der Naturwissen­schaftlichen Fakultät III Herrn Prof. Dr. Peter Wycisk, wurde der diesjährige DGfZ-Preis für hervorragende Abschlussarbeiten feierlich verliehen.

Die DGfZ begann 2004, besonders interessante und richtungweisende wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten im Bereich der Tierproduktion mit einem Förderpreis auszuzeichnen. In diesem Jahr durfte sich Frau Dr. Lea Brinkmann von der Georg-August-Universität Göttin­gen, Abteilung Ökologie der Nutztierhaltung am Department für Nutztiere, über diese Aus­zeichnung freuen. Die Preisträgerin schrieb ihre Dissertation  zum Thema Anpassungsme­chanismen von Shetlandponys an saisonale Klimaveränderungen und Futterverfügbarkeiten. In einer Langzeitstudie über 14 Monate untersuchte sie, über welche Mechanismen eine domestizierte Nutztierrasse wie das Shetlandpony verfügt, um sich an saisonale Schwan­kungen von Umweltfaktoren wie Klima und Futterverfügbarkeit anzupassen. Für den Versuch standen zehn Shetland-Ponystuten zur Verfügung, die in einer ganzjährigen Winteraußen­haltung gehalten wurden. Nach der Ehrung stellte die engagierte Pferdekennerin dann in einem Kurzbeitrag spannend und kurzweilig ihre Ergebnisse vor. Die deutliche Reduktion des Herzschlages der Ponys im Winter deutet auf eine veränderte Stoffwechselaktivität der Tiere hin. Auch die anderen erfassten physiologischen Daten geben deutliche Hinweise auf saisonale Anpassungsreaktionen. Unter den erhobenen Blutparametern reagierten die ver­schiedene Fettsäuren  und Total-Bilirubin am deutlichsten auf die Fett-Mobilisation und stel­len damit geeignete Indikatoren für mögliche Gesundheitsprobleme, insbesondere des Le­berstoffwechsels, dar. Mittels stabiler Isotope wurde der Körperwassergehalt kontinuierlich ermittelt. Lea Brinkmann konnte nachweisen, dass sich Veränderungen in der Stoffwechsel­rate auch auf den Wasserverbrauch auswirken. Mit ihrer Arbeit hat Frau Dr. Brinkmann erst­mals eine wissenschaftliche Untersuchung vorgelegt, die einen Winter-Hypometabolismus auch bei domestizierten Pferden nachweist. Die Ergebnisse können Ausgangspunkt für wei­tere Untersuchungen an anderen Nutztierarten sein.

Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung stellte die Verleihung der Hermann-von-Nathusius-Medaille an Prof. Dr. habil. Manfred Schwerin, FBN-Dummerstorf, dar. Der Vor­stand des Leibniz-Instituts für Nutzierbiologie (FBN) und Professor für Tierzucht an der Uni­versität Rostock erhielt die hohe Auszeichnung für seine national und international hoch an­gesehenen wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der molekularen Tierzucht. Die Hermann-von-Nathusius-Medaille wird seit 1928 in Gedenken an einen der bedeutendsten Wissenschaftler der deutschen Tierzucht gestiftet. Mit ihr werden Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Nutztierwissenschaften im Sinne des Stiftungsgedankens ausgezeichnet.

In der darauf folgenden DGfZ-Jahrestagung ging es um die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft, züchterische Strategien für Tier- und Klimaschutz und eine nachhaltige Tier­ernährung und den Tierschutz in der Nutztierhaltung. Die Vorträge boten intensiven Diskussions­stoff für die Pausen und die Abendveranstaltung.

Unter der Moderation von Frau Dr. Kati Schöpke von der Universität Halle begann die DGfZ-Jahrestagung mit einem Vortrag von Dr. Reinhard Grandke, Hauptgeschäftsführer der DLG. Kurzweilig und plakativ zog er in seinem Vortrag die historische Entwicklung zur Bedeutung der Landwirte in der Gesellschaft nach. Er endete damit, dass inzwischen einem Landwirt 300 Verbraucher gegenüberstehen und, Grandke: Diese 300 Menschen muss sich jeder Landwirt, Facebook ähnlich, zu Freunden machen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass durch Kennenlernen eines Landwirtes – persönlich durch Hofbesuche oder via Homepage – mehr Verständnis und Vertrauen beim Verbraucher erzeugt würden, als durch jede Infokam­pagne. Er forderte jeden einzelnen Landwirt auf, in seinem Umfeld für eine moderne Land­wirtschaft zu werben. Vor allem in Zeiten von Internet und Smartphone genau mit diesen Mitteln, um die Verbraucher auch zu erreichen.

Prof. Dr. Sven König von der Uni Kassel stellte züchterische Strategien für Tier- und Klima­schutz vor. Dabei fokussierte er sich hauptsächlich auf die Zucht von Milchkühen. Er stellte verschiedene Forschungsansätze für die Zucht einer klimafreundlichen Kuh vor, wobei er auch immer wieder auf Hemmnisse und Effizienz hinwies. Die Erhebung quantitativ und qua­litativ hochwertiger Phänotypen sei bei allen Anstrengungen nicht zu unterschätzen. Die ge­nomische Selektion könnte ein Ausweg sein. Fakt sei: Genomische Selektion funktioniert für Merkmale, für die es Bullenlernstichproben gibt. Aber: für neue Merkmale gibt es keine si­cheren konventionellen Bullen-ZW. Eine Lösung könnte eine Kuhlernstichprobe mit Individu­alphänotypen sein, wobei dafür gut 40.000 Kühe mit Phänotypen und Typisierungsergebnis notwendig seien. In Anbetracht dessen, dass der Anteil der Rinder an weltweiten Treibhaus­gasemissionen unter 3% liegt, müsse der große Aufwand zur züchterischen Reduzierung des Methanausstoßes kritisch hinterfragt werden. Nach Auffassung von Prof. Dr. König sollte die Lernstichprobe mit Kühen auf Gesundheitsmerkmale fokussieren, denn Tiergesundheit bedeute Tierschutz und Gesundheitsmerkmale erfüllen die Kriterien der Selektionswürdig­keit.
Bezüglich der Zucht auf Hornlosigkeit bei Rindern dürfe dies nicht zu einem Zuchtrückschritt in anderen Merkmalen führen. Der Referent riet von einem konsequenten Einsatz von Horn­losbullen in der Zucht ab und befürwortete die Anpaarung guter Kühe mit Hornlosbullen (BM-Pfad).

Prof. Dr. Wilhelm Windisch von der TU München referierte über Strategien für eine nachhal­tige Tierernährung. Die Rückkehr zur archaischen Nutztierhaltung sei in Anbetracht der wachsenden Bevölkerung des Lebensmittelbedarfs illusorisch. Der Zielkonflikt Produktivität – Umweltschutz – Nahrungsmittelkonkurrenz habe immer schon bestanden und könne nicht eliminiert werden, sondern lasse sich nur in der Gesamtwirkung minimieren. Als Strategien dafür nannte er die Verbesserung der Futterqualität, die Erschließung neuer Futterquellen (Fermentationsrückstände, marine Biomasse) und den möglichst effizienten Einsatz verfüg­barer Futtermittel. Aus seiner Sicht werden Wiederkäuer als Transformatoren nicht-essbarer Biomasse wieder stark an Bedeutung gewinnen, allem voran in der Milchproduktion, in der effektiver als in der Rindermast für Menschen verzehrbares Eiweiß produziert werde.

Über die Chancen und Grenzen des Tierschutzes referierte Dr. Lars Schrader vom Bundes­forschungsinstitut für Tiergesundheit in Celle. Die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere habe ein zunehmendes Akzeptanzproblem in der Gesellschaft, dem Rechnung getragen werden müsse. Insbesondere die Zucht sei häufig ein Bestandteil von Problemen, böte aber gleich­zeitig auch Lösungsmöglichkeiten. Dazu nannte er Beispiele für die Tierarten Rind, Schwein und Geflügel. Allerdings stecke die Branche auch in einem Dilemma: Verbrauchererwartun­gen versus Kostendruck. Verbesserungen in der Tierhaltung führen in der Regel zu höheren Kosten. Neben anderen Lösungsvorschlägen ging Dr. Schrader in seinem Vortrag auf die Möglichkeit zur Kompensation der Kosten durch ein freiwilliges Tierschutzlabel ein. Tierbe­zogene Indikatoren sieht Dr. Schrader zukünftig als wichtige Bestandteile von Haltungsan­forderungen. Weiterentwicklungen sollten die Ansprüche, aber auch die Fähigkeiten der Tiere in eine intelligente Kontrolle der Haltung einbeziehen.

Abschließend stellte Prof. Dr. Jungbluth von der Uni Hohenheim die Deutsche Agrarfor­schungsallianz – kurz DAFA – vor. Er berichtete über die Strukturen der DAFA, zwei Work­shops, die im Jahr 2011 und 2012 stattfanden sowie über die weitere Vorgehensweise in Hinblick auf die Umsetzung innovativer Forschungsideen.

Mit dieser Bandbreite an aktuellen Themen und den zahlreich erschienenen Zuhören aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zeigte sich die Jahrestagung auch in diesem Jahr als erfolgreiche Vortragsveranstaltung. Bevor es mit dem geselligen Abendprogramm weiter­ging, wurde zur DGfZ-Mitgliederversammlung eingeladen, in deren Rahmen Herrn Dr. Dettmar Frese aus Verden in Anerkennung seiner züchterischen Kompetenzen und seiner großen Verdienste für die deutsche Rinderzucht im In- und Ausland die Adolf-Köppe-Nadel verliehen wurde. Als Vertreter der DGfZ-Projektgruppe Ökonomie und Tiergesundheit stellte Prof. Dr. vet. med. Gerhard Breves exklusiv die Stellungnahme zur Nutzungsdauer beim Rind vor, die in den nächsten Wochen veröffentlicht werden soll.

Die Beiträge der DGfZ-Jahresta­gung werden in der Züchtungskunde 1/2013 nachzulesen sein. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an die DGfZ-Geschäftsstelle.