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Vortragstagung der DGfZ und GfT - Aus der Arbeit der Forschungsstätten für Tierproduktion - 2018

Impressionen F 2018

Neue Wege der Tierproduktion – Fachleute diskutieren auf der Vortragstagung der DGfZ und GfT

Neue Wege der Tierproduktion – wie kann eine zukunftsfähige Nutztierhaltung in Deutschland aussehen und welchen Einfluss haben Sensorik, die Digitalisierung und die moderne Tierzucht auf diesen Prozess? Mit diesen hochaktuellen Fragen haben sich namhafte Tierwissenschaftler bei ihrer Jahrestagung in Bonn befasst. Die von der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ), der Gesellschaft für Tierzuchtwissenschaften (GfT) und dem Institut für Tierwissenschaften, Tierzucht und Tierhaltung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn organisierte Tagung lockte am 12. und 13. September nahezu 300 Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung nach Bonn.


Prof. Dr. Gottfried Brem

Prof. Dr. Gottfried Brem

Prof. Dr. Gottfried Brem vom Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien gab eine Einschätzung zur Entwicklung und Zukunft der Nutzung von Tieren für die menschliche Ernährung.

Nach einem kurzen Abriss über die landwirtschaftliche Entwicklung  der letzten zweihundert Jahre und den zukünftigen Herausforderungen, ist für Prof. Brem die Haltung von Nutztieren unerlässlich. Dabei sollte man im Blick behalten, dass die Tierzucht per Definition in erster Linie dem Menschen dient. Nutztiere sind lebende Produktionsgüter, so Brem, für die wir die Verantwortung tragen. Tierzüchter und Genetiker sollten verantwortungsbewusst mit den Veterinärmedizinern zusammenarbeiten, denn Tierzucht sei auch aktiver Tierschutz, so Brem.  Wichtig für eine zukünftige Tierhaltung sei aber auch ihre gesellschaftliche Akzeptanz, denn ohne diese sei die Zukunft der Nutztierhaltung in Deutschland gefährdet. Das gesellschaftlich wünschenswerte muss mit dem ökonomisch machbaren in Einklang gebracht werden.

In seinem Vortrag ging der Referent auch auf die Chancen moderner Züchtungsmethoden ein, die zum Wohle des Tiers eingesetzt werden könnten und nannte beispielhaft die leichtere und präzisere Identifizierung von Erbfehlern. In diesem Zusammenhang ging er auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Bewertung neuer Züchtungsmethoden ein. Man trage auch Verantwortung für die Konsequenzen bei Nichtanwendung vorhandener Methoden zum Wohle von Tier, Mensch und Umwelt. Abschließend appellierte Brem: Die Verantwortung ist nicht teilbar.

 


Prof. Dr. Kay-Uwe Götz

Prof. Dr. Kay-Uwe Götz

Prof. Dr. Kay-Uwe Götz vom Institut für Tierzucht der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft zeigte Trends und Perspektiven für eine zukunftsfähige Nutztierhaltung in Deutschland auf. Mit der Frage Was erwartet uns 2030? beschrieb er die verschiedenen Sektoren, die derzeit auf die landwirtschaftliche Tierhaltung Druck ausüben. Götz war der Auffassung, dass es weniger Konsum und weniger Toleranz gegenüber der tierischen Erzeugung geben wird, denn neben dem Marktgeschehen spielen vor allem die Einstellungen der Konsumenten zur Fleischproduktion und deren Substitute sowie die sehr hohen Ansprüche an eine nachhaltige, tierwohl- und umweltgerechte Nutztierhaltung eine Rolle. Politik und Wirtschaft erwarten zudem vollständige Transparenz, um die schwarzen Schafe identifizieren zu können. Diese Einflüsse werden große Auswirkungen auf zukünftige Haltungssysteme, Zuchtziele und Einbindung der Tierhaltung in geschlossene Nährstoffkreisläufe sowie der Tierernährung haben. Es sei erforderlich, alle Bereiche der Tierhaltung auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen, so Götz und gab Denkanstöße und Ideen für Lösungsansätze.

Götz hält die wissenschaftlich fundierte Zuchtarbeit für dringend erforderlich, unabhängig davon, in welche Richtung die Zuchtziele weisen. Aus Sicht der Tierernährung können die Grünlandnutzung, der höhere Einsatz von Nebenprodukten und Reststoffen sowie die Minimierung von Sojaimporten dazu beitragen, die Nahrungsmittelkonkurrenz mit dem Menschen zu reduzieren. Diskussionsbedarf sieht Götz bezüglich der Frage: welche Veränderungen von Tieren ethisch zulässig sind, hinsichtlich Verhalten, Leistungen und den angewandten Methoden wie Gene Editing oder Klonierung.

Als Folge der steigenden Ansprüche werde der Umfang der Tierhaltung in Deutschland soweit reduziert werden, dass Rinder und Schweine grundsätzlich in Haltungsformen mit Außenklimakontakt gehalten werden können, prognostizierte der Referent. Die notwendigen Effizienzsteigerungen sollten nicht mehr zur Ausweitung der Produktion verwendet werden, denn die Ressourcenansprüche müssen begrenzt werden.

Götz forderte aber auch entsprechende Mittel und Werkzeuge, damit die Tierwohlwende gelingen kann und befürwortet ein Tierwohlförderungsgesetz analog zum EEG. Bei allen Diskussionen dürfe aber eins nicht vergessen werden: Nutztierhaltung ist aus ökologischer Sicht unentbehrlich und nach wie vor ethisch vertretbar. Das gesellschaftlich Wünschenswerte muss aber auch ökonomisch machbar gemacht werden!


Dr. Reinhard Reents

Dr. Reinhard Reents

Neue Möglichkeiten in der Zucht durch die zunehmende Digitalisierung lautete das Thema, welches Dr. Reinhard Reents von den Vereinigten Informationssystemen Tierhaltung w.V. (vit) ausführte. Trotz aller Unwägbarkeiten bezüglich der Datenqualität, Sensoren werden jeden Tag besser und sind auch für den Landwirt bezahlbar. Der Referent gab einen Überblick über die zahlreichen Anwendungen am und mit dem Tier, wie z. B. die Verarbeitung der Daten aus der Milchleistungsprüfung (MLP), den automatischen Melksystemen oder den Aktivitätsmessungen. Mit Hilfe der Daten können Herden und Einzeltiere viel besser beurteilt werden und so einen großen Nutzen für Tierwohl und Gesundheit schaffen. Eine Vielzahl von Sensoren ist bereits in der Entwicklung bzw. schon auf dem Markt, so Reents. Er gab aber auch zu bedenken, dass zu jedem Tier eine sehr große Zahl von Daten generiert wird, die den einzelnen Landwirt durchaus überfordern kann. Landwirtschaftliche Betriebe sind oder werden zu High Tech Betrieben, die lernen müssen, diese Datenflut zu beherrschen. Hier ist die Wirtschaft gefordert, mit intelligenten Lösungen die (Gesundheits-) Datennutzung zu optimieren. Die Verknüpfung aus konventionellen Tierdaten, Sensordaten und Genomik eröffnet aber auch komplett neue und interessante Geschäftsfelder. Die herkömmliche MLP und auch die Zucht werden sich dramatisch verändern müssen, resümierte Dr. Reents.


Prof. Dr. habil. Wolfgang Büscher

Prof. Dr. habil. Wolfgang Büscher

Ebenfalls mit der Digitalisierung beschäftigte sich Prof. Dr. habil. Wolfgang Büscher vom Institut für Landtechnik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in seinem Vortrag und präsentierte den aktuellen Stand der Digitalisierung in der Tierhaltung und den Stallanlagen. Anwendung findet die Digitalisierung bereits in den Bereichen Fütterungssysteme, Melksysteme, Betriebsführung, Tierverhalten und -überwachung, Food Chain und Rückverfolgbarkeit. Seiner Ansicht nach gibt es allerdings einen großen Entwicklungs- und Forschungsbedarf bei der Digitalisierung von Nutztier-Haltungssystemen. Schon heute zeigt sich, dass die automatische Kälberfütterung der traditionell menschlichen Fütterung überlegen ist. Auch prognostizierte Büscher, dass das elektronische Betriebstagebuch durchaus das Potential hat, zukünftig zum Beispiel auch zum Nachweis bestimmter Umweltauflagen herangezogen zu werden.

Wichtig ist laut Büscher eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen der Landwirtschaft, Veterinärmedizin und der Informatik, denn diese generiert mehr Fortschritt und gesellschaftliche Akzeptanz des Einsatzes digitaler Technologien in deutschen Ställen.



Viel Input, der in der anschließenden Podiumsdiskussion mit den Referenten und PD Dr. Anke Römer von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern lebhaft diskutiert wurde. Deutlich wurden die unterschiedlichen Sichtweisen auf die sich sehr schnell entwickelnden Technologien. Bedenken wurden dahingehend geäußert, inwiefern die regional sehr unterschiedlich strukturierten Betriebe in Deutschland mit dem Wandel umgehen können und werden. Einig waren sich aber alle Beteiligten, dass die aktuellen Anforderungen berücksichtigt werden müssen und die immer stärker werdende Technisierung nicht aufgehalten werden kann. Damit alle Landwirte von diesem enormen Informationsgewinn profitieren können und die Nutztierhaltung in Deutschland eine solide Zukunft haben kann, sind alle Akteure – insbesondere die Politik und die Wirtschaft -  gefordert, entsprechende Entscheidungen zu treffen und Hilfestellung zu bieten.


Engagierte Podiumsdiskussion mit dem Auditorium: (v.l.n.r.) Professor Dr. Gottfried Brem  (Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien), Dr. Reinhard Reents (Vereinigten Informationssystemen Tierhaltung w.V.), PD Dr. Anke Römer (Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern),  Prof. Dr. Kay-Uwe Götz (Institut für Tierzucht der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft), Prof. Dr. habil. Wolfgang Büscher (Institut für Landtechnik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)

Engagierte Podiumsdiskussion mit dem Auditorium: (v.l.n.r.) Professor Dr. Gottfried Brem (Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien), Dr. Reinhard Reents (Vereinigten Informationssystemen Tierhaltung w.V.), PD Dr. Anke Römer (Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern), Prof. Dr. Kay-Uwe Götz (Institut für Tierzucht der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft), Prof. Dr. habil. Wolfgang Büscher (Institut für Landtechnik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)


Nach der Plenartagung präsentierten über 90 junge Wissenschaftler zwei Tage lang ihre Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Tierzucht und Tierhaltung.


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